Neubeginn – Rede zur Vorabend-Demo 2024
Posted by bochumerantifatreff on 16. Mai 2024


Diese Rede wurde abgeändert erstmals am 20.1. bei der Antifa stays United Demo in Aachen gehalten.
Dies ist der Versuch einer Selbstkritik, nicht um auseinander zu gehen, sondern um neu zu erstrahlen.
2024 steht noch am Anfang. Diesen Beginn sollten wir nutzen, um uns zu verändern und Kritik zu üben. Nicht nur in dieser Rede. Wir müssen uns verändern, um das zu sein, was wir sein wollen und müssen.
Leben und Kämpfen im Kapitalismus
Antifaschistische Arbeit ist vielfältig und bleibt notwendig in unserer Gesellschaft.
Unsere Praxis muss kontinuierlich stattfinden, doch das ist ein Dauerbrenner unserer Kapazitäten.
Aber lasst uns doch einmal unsere Praxis konkreter ansehen.
Leisten wir noch Widerstand oder denken wir schon ans Feierabend Bier nach dem Plenum?
Verhalten wir uns wie eine tatsächliche Widerstandsgruppe oder wie die Teilnehmer eines Start Up Unternehmens, die Leistung in ein Projekt reinstecken, und ein konkretes Ergebnis zurück verlangen
Unsere Arbeit nimmt durch digitale Entwicklungen Überhand in unser Privatleben, auch politische Arbeit. 24/7 halten wir parallel im Hinterkopf, dass wir noch irgendwem noch irgentwas schicken müssen.
Wieso powern wir unsere politische Arbeit so durch, bis einzelne Genoss*innen einen Burn Out erleiden und dann Monatelang erst einmal eine Politik Pause brauchen?
Unsere kapitalistische Gesellschaft zwingt uns in eine Art von Leistungsperformance, die wir in jeder Lebensweise reproduzieren. Auch im politischen Rahmen.
Wie sieht aber eine Form der Organisation aus, die nicht auf kapitalistischen Ideen basiert? Schließlich können wir nicht in die Gesellschaft wirken, wenn wir selbst vor Überarbeitung umfallen.
Wie gehen wir mit einer Nachwuchsgeneration um, die noch perfektionistischer lebt als wir und neben Schule kaum Zeit für Politik hat? Wie lernen wir wieder, Kraft zu schaffen und uns aus dieser Endlosschleife der Überarbeitung zu befreien?
Antifaschistische Praxis
Es ist wichtig, Orientierung in der Vergangenheit unserer Geschichte zu finden und Traditionen weiter zu führen. Doch genau so ist es wichtig, neue Formen der politischen Arbeit zu etablieren. Die Welt um uns herum hat sich verändert, es ist viel passiert aus dem sich lernen lässt und die Zustände haben sich verschärft.
Wir allerdings befanden uns nun schon lange in einem Stillstand. Lasst uns also offen reden, über jede einzelne unserer Taktiken und Strategien.
Welche Aktionsformen sind sinnvoll? Bringt uns die permanente Reaktion auf die Aktion von Nazis viel, wenn wir ihnen immer Hinterherhetzen? Wo ist unsere linke Perspektive und wem geben wir sie?
Für wen machen wir die Demonstrationen? Für uns? Demonstrationen erscheinen manchmal wie ein ein Selbstbeschallungsraum, ein immer wiederkehrender Termin, auf dem vorallem eines geschieht: die Szene trifft sich und tauscht sich aus.
Für wen halten wir denn die Reden, wenn wir sie vor lauter Fachbegriffen und hochkomplexen Analysen oft selbst kaum verstehen? Lasst uns wieder mehr mit Menschen reden, um die Probleme auch tatsächlich zu begreifen und gemeinsam Lösungen zu finden. Wir können unsere antifaschistische Arbeit eben nicht in einer Szenekultur aus dem Nichts zaubern und hoffen, dass es die Gesellschaft annimmt.
Lasst uns endlich aus der Szene raus und rein in die Massen!
Das Streiten lernen
Aber nicht nur mit Menschen außerhalb der Szene müssen wir uns auseinandersetzen, auch Miteinander. Wie kann es sein, dass wir über nichts anderes mehr reden als die immer wiederkehrenden politischen Debatten, die sich immer wieder aufs Neue wiederholen und wir am Ende jedes Mal sagen „hm, muss man mit denen zusammenarbeiten, lass die doch einfach canceln.
Um unserer antifaschistischen Verantwortung gerecht zu werden, müssen wir miteinander lernen, Diskurse zu führen, und theoretisch zu überwinden, um zusammen arbeiten zu können. Die Gemeinsamkeit einer Bewegung, der Tiefgründige Austausch und die gegenseitige Unterstützung hat ein wenig an Wichtigkeit verloren.
Wir müssen uns insoweit verändern, dass wir uns überhaupt erst mal als eine gemeinsame, internationale Bewegung mit Ernsthaftigkeit und Haltung verstehen. Ein Widerstand kommt selten allein. Auch nicht zu zweit. Er kommt nur in Massen. Und dafür müssen wir zusammenarbeiten.
Patriarchale Kontinuitäten
Eine weitere Konstante an Problemen der antifaschistischen Geschichte ist und bleibt das Patriarchat, welches wir hier im linken Rahmen nicht viel weniger reproduzieren. Das Patriarchat ist, was uns heute noch spaltet, und was in der linken Geschichte zu wenig Beachtung in den Strukturen erhalten hat.
Antifa sollte keine Dating Plattform sein, bei der man sich Gleichgesinnte sucht. Antifa sollte kein Konkurrenz Kampf unter männlichen Genossen sein. Antifa sollte kein Raum sein, wo Flintas allein die emotionale Unterstützung der Gruppe bilden und Verantwortung übernehmen, wo die Männer kein Bock drauf haben.
Was wir brauchen ist Feminismus, der unhinterfragt Teil unserer Strukturen ist. Ohne eine feministische Perspektive halten wir uns auf an schwierigen Macht Fragen innerhalb unserer Strukturen. Flinta werden in ihrer Rolle der Gesellschaft weiterhin ausgenutzt, kommen zu wenig zu Wort und können so auch keine feministische Perspektive leben.
Sie selbst stecken oft in einem Konkurrenzkampf zu anderen Flinta Genossinnen, vergleichen sich, versuchen die männliche Aufmerksamkeit in einem männlich dominierten Raum zu beweisen, wollen militant wirken, ein Abbild der „starken Frau“ darstellen.
Wir als Flinta sollten es als Aufgabe betrachten, mehr aufeinander zuzugehen und eine neue, feministische Solidarität untereinander zu schaffen. Das heißt nicht, das wir uns abgrenzen wollen. Doch wir brauchen mehr Raum für uns, um im Austauscheine feministische Haltung zu bilden, die die antifaschistische Bewegung prägt.
Wir müssen uns alle diesen schwierigen Reflektionen stellen, müssen uns gegenseitig mehr kritisieren und vorallem keinen Ausweg suchen, um unsere Reproduktion des Patriarchats zu verstecken.
Feminismus ist kein Wunschkonzert, es ist die konsequente Umwälzung unserer aktuellen patriarchalen Strukturen! Antifa heißt Feminismus- immer, überall und in jedem Moment!
Unsere gemeinsame Geschichte geht weit zurück, und doch stehen wir immer noch hier gemeinsam auf der Straße. Lasst uns das Erbe der vergangenen Kämpfe weiter tragen und weitergeben, was wir gelernt haben. Immer Selbstkritisch, aber auch immer der Zukunft, dem gemeinsamen Kampf zugewandt. Wir sind überall und wir sind viele. Lasst uns unsere Kräfte verbinden!
Für eine gerechtere, für eine befreite Welt – dem Morgenrot entgegen!
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